Standort auf Karte: Fisischafberg:  Verkehrskarte (Bahnen) von openstreetmap.org

Update 1.2.2026:  Aktualisierte Daten/Fakten zur Geschichte

Es kommt nicht oft vor, dass man zufällig auf einen Hinweis über ein vergessenes Feldbahngleis stösst, schon gar nicht mitten im Hochgebirge. Das "Corpus Delicti" befindet sich in 2177m Höhe auf einer kleinen Hochebene am Fisischafberg unweit der Jegertosse auf Gemeindegebiet von Kandersteg. Zur über der Baumgrenze gelegenen Jegertosse bzw. dem ein paar hundert Meter vorgelagerten Hochplateau vom Fisischafberg führt ab Kandersteg ein steiler Bergweg hinauf, welcher in ca. 3 Stunden zu bewältigen ist. Dazu müssen fast genau 1000 Höhenmeter überwunden werden. Ein gewisses Mass an Schwindelfreiheit und rutschsichere Schuhe sind von Vorteil. Verpflegungsmöglichkeiten gibt es da oben keine, so sind auch Getränke vom Tal hochzutragen. Im Sommer liegt die Bergseite bis etwa 11Uhr im Schatten, so ist der Aufstieg idealerweise möglichst früh zu beginnen.

Die Jegertosse und der Fisischafberg liegt oberhalb des nördlichen Tunneleinganges des alten Lötschbergtunnels der BLS, am Eingang zum Gasteretal. Genau da liegt auch der Grund für das abgelegene Feldbahngleis. Lawinen (Kistenlaui) vom oberhalb der Baumgrenze liegenden Fisischafberg und Fisistock könnten das kleine Hochplateau überrollen und dann weiter mit noch grösserer Wucht ungehindert ins Tal auf die Bahngleise stürzen. So mussten da im Bereich der Aussenkante der Hochebene ganze Batterien von Lawinenverbauungen erstellt werden.
Die ältesten Verbauungen aus Trockensteinmauern mit Bruchsteinen sind aus der Bauzeit des Lötschbergtunnels 1906-1913 der BLS (Bern-Lötschberg-Simplon). Diese Bauart hielt sich noch bis in die 60er Jahre. Ab 1947 kamen zum Transport der Steine Feldbahnen zum Einsatz. Davor wurden die Steine auf Lattenrosten (eine Art hölzernes Gleis) gelegt, und mühsam zum Einbauort geschleift. Das Feldbahnmaterial beschränkte sich auf vormontierte klassische 6m Gleisjoche in gerader und gebogener Ausführung, auflegbare Drehscheiben (feldbahntypisch "Frosch" genannt) und Loren zum Handverschub. Lokomotiven und Weichen gab es nie. Die Geleise waren mit kleinen Steindämmen und Einschnitten sorgfältig trassiert um für die beladenen Loren in Lastrichtung die Schwerkraft als Antrieb ausnutzen zu können.
Bei Ausbauten ab 1970 wurden die viel einfacher zu erstellenden Konstruktionen aus Stahl eingesetzt. Diese Schutzbauten wurden sowohl mit alten Eisenbahnschienen, als auch mit dafür speziell entworfenen Stahlprofilen hergestellt. Einige der alten Mauern aus Bruchsteinen konnten noch mit Stahlnetzen erhöht werden. Zum markantesten Bauwerk anlässlich der Ausbauten zu Beginn der 70er Jahre zählt die 87m lange und 5m hohe Sperrwand zum Schutze von Lawinen vom Inneren Fisistock. Für den Transport des Baumaterials wurde 1971/72 eigens eine Transportseilbahn mit 600kg Nutzlast erstellt. Diese Seilbahn wurde dann 1992 wieder abgebrochen, übrig geblieben sind einzig ihre Fundamente.

Die 1947 für den Transport der Bruchsteine installierten Feldbahnanlagen kamen möglicherweise auch nochmals zum Einsatz in den 70er Jahren für den Transport von Stahlteilen. Feldbahngleise lassen sich ja analog zu einer Modelleisenbahn sehr rasch und einfach neu auslegen. So blieb auch alles Feldbahn-Gleismaterial nach 1992, dem Rückbaujahr der Seilbahn, als Gleisstrecke oder auch separat gestapelt vor Ort liegen. 
Auf den oberen von mir besuchten noch vorhandenen Gleisstrecken gibt es kein Rollmaterial mehr. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, wären Wagen im Lawinenzug schon längst weggefegt worden. Vielmehr erstaunlich, dass sich die 600mm spurigen Geleise, bis auf die baubedingten zwei kurzen Unterbrüche (siehe Plan) noch in einem recht guten Zustand befinden. So konnte der mitgebrachte BEB-Rollwagen X33 ohne grössere Schwierigkeiten auf diesen Gleisabschnitten verkehren.

Ich habe nach dem ersten Hinweis aus einem Wanderforum den Ort erstmal aufgesucht, um mir ein Bild der Situation zu machen und die Spurweite auszumessen. Sie beträgt wie in der Bözenegg bei der BEB 600mm. 
So reifte der Wunsch mit einem speziell konstruierten, extra leichten (12kg), zerlegbar in einem Rucksack zu transportierenden kleinen Flachwagen (BEB X33) da, nach Jahrzehnten der Ruhe, einmal etwas am Rad der Zeit zu drehen und nochmals ein Schienenfahrzeug darauf fahren zu lassen. Natürlich alles mit einer prächtigen Bergwelt im Hintergrund. 
Beiliegende Bilder stammen nun von diesem besonderen Tag als das alte Gleis kurz aus seinem Dornröschenschlaf erwachte und auch die alte Auflege-Drehscheibe nochmals ein paar Dreher absolvieren konnte. Industriekultur auf höchstem Niveau bzw. 2177m über Meer ;-)

Wie sich erst nach meinem Besuch herausstellen sollte, existiert tatsächlich etwas weiter unten noch eine weitere Gleistrasse, welche einst ebenfalls zum Transport von Bruchsteinen benutzt wurde (siehe Plan). Soweit bekannt befindet sich da auf einem noch vorhandenen Gleisabschnitt von Lawinenverbauungen geschützt, sogar noch ein fahrbares Lorenuntergestell gesichert abgestellt.

 

Quelle/Dank:
Es hat mich riesig gefreut, dass Dank der Hilfe von Lesern und der BLS Netz AG der geschichtliche Hintergrund der Feldbahnanlagen noch komplettiert werden konnte. In dem Zusammenhang herzlichen Dank an Peter Hofer, Hans Bettschen und Nicole Viguier.

 

 

Originalbild anzeigen Foto: Swissair Photo AG *) / CC BY-SA 4.0 / 6.9.1990


Zur Übersicht einen Ausschnitt aus einer Swissair Luftaufnahme von 1990. Die zusätzlich erstellten Lawinenverbauungen mit der grossen Lawinen-Sperrwand zum Schutze der BLS Bahnlinie und dem Eingang zum Lötschbergtunnel sind bereits vollendet. Eine mögliche Weiternutzung der Materialseilbahn als öffentliche Seilbahn zum Personentransport war damals in Diskussion, wurde jedoch verworfen. Der Rückbau der 1971/72 erstellten Materialseilbahn erfolgte 1992.

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ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair Photo AG /
Ausschnitt mit Ergänzungen aus Foto  LBS_R1-901113 / CC BY-SA 4.0
(Externer Link: ETH Bildarchiv Bild LBS_R1-901113) / (Externer Link: CC BY-SA 4.0)

 

 

Originalbild anzeigen Foto: Swissair Photo AG *) / CC BY-SA 4.0 / 6.9.1990 


Ein Ausschnitt aus demselben Bild mit Hinweisen zum heute noch vorhandenen Feldbahngleis. Feldbahnen zum Materialtransport kamen erst ab 1947 zum Einsatz. Lokomotiven gab es nie, der Verschub der Wagen geschah von Hand bzw. per Schwerkraft. Die Materialseilbahn wurde zum Bau der 87m langen und 5m hohen Sperrwand und weiteren Verbauungen installiert. Gebaut 1971/72 wurde sie nach Abschluss der Bauarbeiten 1992 wieder abgebrochen. Übriggeblieben sind ihre Fundamente. Von den Feldbahnen sind einige Gleisabschnitte und separates Gleismaterial vor Ort geblieben. Weichen gab es nie jedoch Auflegedrehscheiben (feldbahntypisch auch "Frosch" genannt).

Auf dem besuchten oberen Gleis (etwas dickere rote Linie) gibt es kein Rollmaterial mehr. Dies wäre auch schon längst durch eine Lawine (berndeutsch "Laui") weggefegt worden. Wie sich erst nach meinem Besuch herausstellte, existiert zwischen den Lawinenschutzwänden etwas weiter unten tatsächlich auch noch ein intakter Feldbahn-Gleisabschnitt. Da ist sogar noch das Untergestell einer Kipplore (gesichert) übrig geblieben.

*)
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair Photo AG /
Ausschnitt mit Ergänzungen aus Foto  LBS_R1-901113 / CC BY-SA 4.0
(Externer Link: ETH Bildarchiv Bild LBS_R1-901113) / (Externer Link: CC BY-SA 4.0)

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 18.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 22.1.2020


Die beiden Rollwagen X32 und X33 auf der Bözenegg-Eriwis Bahn. Während X32 für  Gleisunterhalt mit schweren Geräten und Schneepflugfahrten ausgelegt ist, kann der zerlegbare, in Leichtbauweise (12kg) erstellte Rollwagen X33 neben der BEB Spurweite von 60cm auch auf Gleisen mit 50cm Spurweite eingesetzt werden. Für die geplante Exkursion zum 60cm Spur Gleis im Gebirge mit einem Aufstieg um 1000 Höhenmeter war natürlich aus Gewichtsgründen der Rollwagen X33 die erste Wahl.

 

 


 

Bilderserie auf dem Gleisstück talseitig der Lawinen-Sperrwand
Alle Bilder von den oberen Gleisabschnitten auf der Hochebene (Im Plan dicke rote Linie)

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund, auf der anderen Seite des Kandertals, etwas links der Mitte der Chlyne Loner 2586m, rechts dahinter der Bunderspitz 2546m mit dem rechts anschliessenden Allmegrat zum First 2548m.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick auf das 1000m weiter unten liegende Kandersteg (1170m ü.M.) und das Kandertal. Weiter hinten im Tal Frutigen. Rechts von Kandersteg das Seitental zum Öschinensee.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick auf die neueren Lawinenverbauungen. Dahinter der etwa gleich hohe Üschenegrat und im Hintergrund der Gross Loner mit seinen beiden 3000er Spitzen, der Hinterste (Vordere Loner) 3048m und dem Breiten (Mittlere Loner) 3001m. Rechts der Chlyne Loner 2586m.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Verschiedene Typen von Lawinenverbauungen. Hinten diejenigen aus Bruchsteinen aus den Baujahren der Lötschbergbahn 1906-1913 und danach bis ca.1970. In der Mitte ab 1970 mit Gitter erhöhte alte Verbauung. Links die Neueren ab 1970 mit speziellen Stahlprofilen. Gelegentlich wurden ähnliche Typen auch mit alten Eisenbahnschienen gebaut.
Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Eine komplette, gut erhaltene Auflegedrehscheibe (feldbahntypisch "Frosch" genannte) am Gleisende des vorderen Gleisabschnittes. Mit solchen, einfach auf das Gleis auflegbaren Drehscheiben konnten Wagen nicht nur gedreht, sondern auch einzeln auf Seitengeleise verschoben werden. Weichen waren so nicht unbedingt nötig. Üblicherweise sind damit Wagen bis ca. 3t gut zu drehen, wenn sie ihren Schwerpunkt exakt am Ort der Drehscheibenachse haben. Dazu konnte der Anschlag für das Rad eingestellt werden. Eine einfache und günstige Art Fahrzeuge auf beliebig zum Hauptgleis ausgerichtete Nebengleise zu transferieren, eine klassische Einrichtung für Feldbahnen.
Im Hintergrund der Chlyne Loner 2586m mit dem tiefer liegenden Ausläufer Alpschelehubel 2247m. Rechts hinten der Bunderspitz 2546m mit dem Allmegrat.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Ganz in der Nähe auch noch weiteres, deponiertes Gleismaterial. Bei Feldbahnen war es üblich ganze, montierte Gleisjoche à 6m zu verwenden. Solche Gleisjoche konnten ähnlich einer Spielzeugeisenbahn einfach auf den Boden gelegt und mit Laschen verbunden werden. Ein Joch war zu zweit gut anzuheben.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Der BEB Rollwagen X33 im Hochgebirge auf der Auflegedrehscheibe. Das schon stark verwachsene Geleise führt nach hinten weiter neben die Lawinenverbauung. Das Gleisende bzw. eine Schiene davon ist noch knapp vor der Drehscheibe zu erkennen.

 

 


 

Bilderserie auf dem Gleisstück bergseitig der Lawinen-Sperrwand

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Der Rollwagen auf dem längeren, bergseitigen Gleisstück zum Steinbruch am Fisischafberg. Im Hintergrund die grosse, um 1972/73 erstellte Lawinen-Sperrwand. Diese soll auf das Hochplateau niedergehende Lawinen vor einem weiteren Niedergang ins Tal stoppen. Immer wieder eindrücklich zu sehen mit welchem Aufwand in den Alpen Verkehrswege geschützt werden müssen, von Massnahmen gegen Steinschlag noch gar nicht gesprochen.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Die nie mit Lokomotiven betriebene, 1947 erstellte Baubahn wurde sehr sorgfältig trassiert um für die beladenen Loren die Schwerkraft als Antrieb ausnutzen zu können. Noch bis 1947 wurden die grossen Steine auf Holzrosten, eine Art hölzernes Gleis, gelegt und darauf von mehreren Männern mit Seilen zum Einbauort gezogen.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick über die Hochebene am Fuss des Fisischafberges in Richtung der 87m langen und 5m hohen Lawinen-Sperrwand. Dahinter geht es 1000m steil runter ins Tal von Kandersteg.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Einschnitte und Dämme sorgen für ein stetiges, leichtes Gefälle vom Steinbruch über die Hochebene zu den Baustellen.
Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Nur eine Feldbahn aber aufwendig trassiert.
Wunderschön anzuschauen aber Achtung! Bei den hier blühenden Pflanzen handelt es sich um den blauen Eisenhut, eine der giftigsten Pflanzen Europas. Alle Pflanzenteile sind sehr giftig, 2g des darin enthaltenen Giftes sind tödlich. Starkes Nervengift, Hautkontakt vermeiden. Die Pflanze kommt in den Alpen bis zu einer Höhe von ca. 2400m vor.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick vom alten, früheren Trasse (im Plan gepunktet eingezeichnet) auf das heute noch vorhandene Gleis. Der kleine BEB Rollwagen X33 versteckt sich fast vor den hier farblich besonders geschichteten Felsen. (Bildmitte rechts). Ganz hinten noch das linke Ende der Lawinen-Sperrmauer und noch weiter links auf dem kleinen Hügel die Fundamentreste der 1992 rückgebauten Transportseilbahn. Nachdem der obere Steinbruch/Geröllhalde erschöpft war, hat man wohl das Geleise einfach zum unteren Steinbruch neu verlegt. So war auch keine Weiche für einen Abzweig zweier Strecken nötig.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund der Gross Loner mit seinen beiden 3000er Spitzen, der Hintere (Vordere Loner) 3048m und dem Breiten (Mittlere Loner) 3001m.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Das Gleisende im ehemaligen Steinbruch am Fuss des Fisischafberges. Sehr viele Felsen haben da ein auffallend gestreiftes Muster aus ihrer Entstehungszeit.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  



 
Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Noch eine kleine Verschnaufpause um den Rollwagen wieder auseinander zu schrauben und im Rucksack zu verstauen. Dann wird es leider schon wieder Zeit den 3-stündigen, steilen Abstieg nach Kandersteg in Angriff zu nehmen. Jedenfalls war es ein schöner und besonderer Tag weit weg von normalen, meist etwas überlaufenen touristischen Hotspots ;-)

 

 


 

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