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Es kommt nicht oft vor, dass man zufällig auf einen Hinweis über ein vergessenes Feldbahngleis stösst, schon gar nicht mitten im Hochgebirge. Das "Corpus Delicti" befindet sich in 2177m Höhe auf einer kleinen Hochebene am Fisischafberg unweit der Jegertosse auf Gemeindegebiet von Kandersteg. Zur über der Baumgrenze gelegenen Jegertosse bzw. dem ein paar hundert Meter vorgelagerten Hochplateau vom Fisischafberg führt ab Kandersteg ein steiler Bergweg hinauf, welcher in ca. 3 Stunden zu bewältigen ist. Dazu müssen fast genau 1000 Höhenmeter überwunden werden. Ein gewisses Mass an Schwindelfreiheit und rutschsichere Schuhe sind von Vorteil. Verpflegungsmöglichkeiten gibt es da oben keine, so sind auch Getränke vom Tal hochzutragen. Im Sommer liegt die Bergseite bis etwa 11Uhr im Schatten, so ist der Aufstieg idealerweise möglichst früh zu beginnen.

Die Jegertosse und der Fisischafberg liegt oberhalb dem nördlichen Tunneleingang des alten Lötschbergtunnels der BLS, am Eingang zum Gasteretal. Genau da liegt auch der Grund für das abgelegene Feldbahngleis. Lawinen vom oberhalb der Baumgrenze liegenden Fisischafberg könnten das kleine Hochplateau überrollen und dann weiter mit noch grösserer Wucht ungehindert ins Tal auf die Bahngleise stürzen. So mussten da im Bereich der Aussenkante der Hochebene ganze Batterien von Lawinenverbauungen erstellt werden.
Die ältesten, aus der Eröffnungszeit der BLS (Bern-Lötschberg-Simplon) sind noch aus Bruchsteinen, die Neueren in der typischen zum Tal geneigten Bauart mit Stahlprofilen. 1991 wurde an einer besonders exponierten Stelle auf der Hochebene sogar noch eine lange, einer Staumauer gleichenden, massive Lawinen-Sperrwand erstellt. Für all diese Bauarbeiten mussten tonnenweise Materialien transportiert werden. Für die neueren Bauten aus Stahl und Beton wurde Anfangs der 70er Jahre von Kandersteg her eine eigene Transportseilbahn erstellt. 
Die Bruchsteine jedoch, die man ursprünglich auch für die Schutzbauten selbst verwendete, konnten direkt von kleinen Steinbrüchen und Geröllhalden am Fisischafberg gewonnen werden. Genau dazu diente die ein paar hundert Meter lange Feldbahn dessen Geleise bis heute da liegen geblieben sind. Neben dem Gleis, welches durch die 1991 gebaute, grosse Sperrwand unterbrochen wurde,  sind noch ein Haufen von Gleisjochen und zwei Auflegedrehscheiben (feldbahntypisch als "Frosch" bezeichnet) vorhanden. Es scheint keine Weichen gegeben zu haben und vermutlich auch keinen Lokomotivbetrieb. Das Geleise ist erstaunlich sorgfältig trassiert mit kleinen Dämmen aus Bruchsteinen und Einschnitten. So hat das Geleise stets eine kleine Neigung talwärts. Leere Wagen liessen sich da leicht von Hand bewegen und talwärts mit Steinen beladen, sorgte die Schwerkraft für den Antrieb.

Die um 1972 erstellte Transportseilbahn wurde um 1994 wieder abgebaut, geblieben ist aber das massive Fundament der Bergstation.
Vermutlich stammt das Feldbahngeleise nur von den ersten Bauaktivitäten um 1913, aus der Eröffnungszeit der Lötschbergbahn, als noch Bruchsteine gefragt waren. Für die bis Anfangs der 90er Jahre erstellten neueren Bauten dürften die Baumaterialien vollständig mit der damals neu erstellten Lastseilbahn angeliefert worden sein. So wäre es auch plausibel, dass beim Rückbau der Bauinstallationen um 1994 dem schon verwachsenen alten Feldbahngleis aus der BLS Eröffnungszeit niemand mehr Beachtung schenkte. Rollmaterial ist nicht mehr vorhanden aber auch nicht weiter verwunderlich. Da das Feldbahngleis vollständig in einem Lawinenzug liegt, wäre da abgestelltes Rollmaterial auch längst von Lawinen weggefegt worden. Eigentlich schon erstaunlich, dass die leichten Geleise noch so gut erhalten sind.

Ich habe nach dem ersten Hinweis aus einem Wanderforum den Ort erstmal aufgesucht, um mir ein Bild der Situation zu machen und die Spurweite auszumessen. Sie beträgt wie in der Bözenegg bei der BEB 600mm. Neben zwei durch die neueren Bautätigkeiten verursachten Lücken im Gleis gab es an den Schienen nur wenig Beschädigungen durch herunter gefallene Gesteinsbrocken oder darüber hinweg gegangene Lawinen.
So reifte der Wunsch mit einem speziell konstruierten, extra leichten (12kg), zerlegbar in einem Rucksack zu transportierenden kleinen Flachwagen (BEB X33) danach Jahrzehnten der Ruhe einmal etwas am Rad der Zeit zu drehen und nochmals ein Schienenfahrzeug darauf fahren zu lassen. Natürlich alles mit einer prächtigen Bergwelt im Hintergrund.
Beiliegende Bilder stammen nun von diesem besonderen Tag als das alte Gleis kurz aus seinem Dornröschenschlaf erwachte und auch die alte Auflege-Drehscheibe nochmals ein paar Dreher absolvieren konnte. Industriekultur auf höchstem Niveau bzw. 2177m über Meer ;-)

 

 

Originalbild anzeigen Grafik BEB

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 18.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 22.1.2020


Die beiden Rollwagen X32 und X33 auf der Bözenegg-Eriwis Bahn. Während X32 für  Gleisunterhalt mit schweren Geräten und Schneepflugfahrten ausgelegt ist, kann der zerlegbare, in Leichtbauweise (12kg) erstellte Rollwagen X33 neben der BEB Spurweite von 60cm auch auf Gleisen mit 50cm Spurweite eingesetzt werden. Für die geplante Exkursion zum 60cm Spur Gleis im Gebirge mit einem Aufstieg um 1000 Höhenmeter war natürlich aus Gewichtsgründen der Rollwagen X33 die erste Wahl.

 

 


 

Bilderserie auf dem Gleisstück talseitig der Lawinen-Sperrwand

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund, auf der anderen Seite des Kandertals, etwas links der Mitte der Chlyne Loner 2586m, rechts dahinter der Bunderspitz 2546m mit dem rechts anschliessenden Allmegrat zum First 2548m.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick auf das 1000m weiter unten liegende Kandersteg (1170m ü.M.) und das Kandertal. Weiter hinten im Tal Frutigen. Rechts von Kandersteg das Seitental zum Öschinensee. 

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick auf die neueren Lawinenverbauungen. Dahinter der etwa gleich hohe Üschenegrat und im Hintergrund der Gross Loner mit seinen beiden 3000er Spitzen, der Hinterste (Vordere Loner) 3048m und dem Breiten (Mittlere Loner) 3001m. Rechts der Chlyne Loner 2586m.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Verschiedene Typen von Lawinenverbauungen. Hinten diejenigen aus Bruchsteinen aus der Eröffnung der Lötschbergbahn 1913. In der Mitte später erhöhte alte Verbauung. Links die Neueren mit speziellen Stahlprofilen. Gelegentlich wurden ähnliche Typen auch mit alten Eisenbahnschienen gebaut. 
Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Eine komplette, gut erhaltene Auflegedrehscheibe (feldbahntypisch "Frosch" genannte) am Gleisende des vorderen Gleisabschnittes. Mit solchen, einfach auf das Gleis auflegbaren Drehscheiben konnten Wagen nicht nur gedreht, sondern auch einzeln auf Seitengeleise verschoben werden. Weichen waren so nicht unbedingt nötig. Üblicherweise sind damit Wagen bis ca. 3t gut zu drehen, wenn sie ihren Schwerpunkt exakt am Ort der Drehscheibenachse haben. Dazu konnte der Anschlag für das Rad eingestellt werden. Eine einfache und günstige Art Fahrzeuge auf beliebig zum Hauptgleis ausgerichtete Nebengleise zu transferieren, eine klassische Einrichtung für Feldbahnen.
Im Hintergrund der Chlyne Loner 2586m mit dem tiefer liegenden Ausläufer Alpschelehubel 2247m. Rechts hinten der Bunderspitz 2546m mit dem Allmegrat.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Ganz in der Nähe auch noch weiteres, deponiertes Gleismaterial. Bei Feldbahnen war es üblich ganze, montierte Gleisjoche à 6m zu verwenden. Solche Gleisjoche konnten ähnlich einer Spielzeugeisenbahn einfach auf den Boden gelegt und mit Laschen verbunden werden. Ein Joch war zu zweit gut anzuheben.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Der BEB Rollwagen X33 im Hochgebirge auf der Auflegedrehscheibe. Das schon stark verwachsene Geleise führt nach hinten weiter neben die Lawinenverbauung. Das Gleisende bzw. eine Schiene davon ist noch knapp vor der Drehscheibe zu erkennen. 

 

 


 

Bilderserie auf dem Gleisstück bergseitig der Lawinen-Sperrwand

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Der Rollwagen auf dem längeren, bergseitigen Gleisstück zum Steinbruch am Fisischafberg. Im Hintergrund die grosse, 1991 erstellte Lawinen-Sperrwand. Diese soll auf das Hochplateau niedergehende Lawinen vor einem weiteren Niedergang ins Tal stoppen. Immer wieder eindrücklich zu sehen mit welchem Aufwand in den Alpen Verkehrswege geschützt werden müssen, von Massnahmen gegen Steinschlag noch gar nicht gesprochen.  

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Die vermutlich nie mit Lokomotiven betriebene Baubahn wurde dafür umso sorgfältiger trassiert. Dellen wurden mit Bruchsteinen aufgefüllt, eine arbeitsintensive Bauweise, aber typisch für die Frühzeit der Industrialisierung um 1913, der Eröffnung des Lötschbergtunnels. 

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick über die Hochebene am Fuss des Fisischafberges in Richtung der Lawinen-Sperrwand. Dahinter geht es 1000m steil runter ins Tal von Kandersteg. 

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Einschnitte und Dämme sorgen für ein stetiges, leichtes Gefälle vom Steinbruch über die Hochebene zu den Baustellen.
Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Nur eine Feldbahn aber aufwendig trassiert.
Wunderschön anzuschauen aber Achtung! Bei den hier blühenden Pflanzen handelt es sich um den blauen Eisenhut, eine der giftigsten Pflanzen Europas. Alle Pflanzenteile sind sehr giftig, 2g des darin enthaltenen Giftes sind tödlich. Starkes Nervengift, Hautkontakt vermeiden. Die Pflanze kommt in den Alpen bis zu einer Höhe von ca. 2400m vor.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund das Seitental zum Öschinensee mit den Bergspitzen vom Bire 2502m, Zallershore 2743m, Dündehore 2862m und dem anschliessenden Oeschinengrat. 

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Blick vom alten, früheren Trasse (im Plan grün eingezeichnet) auf das heute noch vorhandene Gleis. Der kleine BEB Rollwagen X33 versteckt sich fast vor den hier farblich besonders geschichteten Felsen. (Bildmitte rechts). Ganz hinten noch das linke Ende der Lawinen-Sperrmauer und noch weiter links auf dem kleinen Hügel die Fundamentreste der um 1994 rückgebauten Transportseilbahn. Nachdem der obere Steinbruch/Geröllhalde erschöpft war, hat man wohl das Geleise einfach zum unteren Steinbruch neu verlegt. So war auch keine Weiche für einen Abzweig zweier Strecken nötig.

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Im Hintergrund der Gross Loner mit seinen beiden 3000er Spitzen, der Hintere (Vordere Loner) 3048m und dem Breiten (Mittlere Loner) 3001m. 

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

 

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Das Gleisende im ehemaligen Steinbruch am Fuss des Fisischafberges. Sehr viele Felsen haben da ein auffallend gestreiftes Muster aus ihrer Entstehungszeit.

 

  

Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012

 

  



 
Originalbild anzeigen BEB / 27.8.2012


Noch eine kleine Verschnaufpause um den Rollwagen wieder auseinander zu schrauben und im Rucksack zu verstauen. Dann wird es leider schon wieder Zeit den 3-stündigen, steilen Abstieg nach Kandersteg in Angriff zu nehmen. Jedenfalls war es ein schöner und besonderer Tag weit weg von normalen, meist etwas überlaufenen touristischen Hotspots ;-)

 

 


   

 

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